Geschichte der Paul-Hindemith-Gesellschaft in Berlin

Die Paul-Hindemith-Gesellschaft in Berlin e.V. wurde 1966 als „Gesellschaft der Freunde der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Berlin e.V.“ unter anderem von so unvergessenen Persönlichkeiten wie Maria Ivogün, Boris Blacher, Hans Chemin-Petit, Gottfried von Einem, Hans Scharoun, Hans Heinz Stuckenschmidt und Herbert von Karajan gegründet. Als Vorsitzende der Gesellschaft wirkten unter anderem Elisabeth Grümmer, Dr. Joachim Tiburtius und Eberhard Finke; derzeitige Vorsitzende ist Roswitha Staege, Professorin an der Universität der Künste Berlin und international tätig.

Die Gesellschaft verfolgt im Wesentlichen den Zweck, musikalisch und/oder darstellerisch hervorragend begabten, jedoch wirtschaftlich sehr schlecht gestellten Studierenden finanziell durch die Gewährung von Stipendien ein wenig unter die Arme zu greifen, um ihnen die Durchführung ihres Studiums zu ermöglichen bzw. zu erleichtern. Hierzu werden die Beiträge unserer Mitglieder und Spenden eingesetzt.

Der Paul-Hindemith-Gesellschaft in Berlin war von Anfang an auch daran gelegen, den geförderten Studierenden ein öffentliches Podium zu schaffen. Im Rahmen regelmäßiger Konzerte der Universität der Künste ist sie darum bemüht, die Stipendiaten einem breiteren Publikum zu präsentieren.

Durch die Umbenennung im Jahr 2001 soll mit Paul Hindemith ein bedeutender Musiker, Komponist und Lehrer geehrt werden, der unter anderem an der Berliner Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik wirkte.

Paul Hindemith und Berlin

Im Mai 1927 nahm Paul Hindemith (1895-1963) – mit kaum über 30 Jahren der beachtetste Komponist der jungen Generation – seine Lehrtätigkeit an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik auf. Der provokative und ironische Ton seiner Musik hatte ihm den Ruf des ‚Bürgerschrecks‘ eingetragen; nun etablierte sich der Komponist und Bratschist mit einem Lehramt in Berlin. Er blieb hier – mit Unterbrechungen während der Zeit des Nationalsozialismus – ein wichtiges Jahrzehnt lang. Zusammen mit Max Bruch, Engelbert Humperdinck, Franz Schreker und Boris Blacher gehört er zu den renommierten, international angesehenen Kompositionslehrern, welche die Berliner Musikhochschule – die heutige Universität der Künste – im Laufe ihrer Geschichte aufzuweisen hat.

In Hindemiths Berliner Zeit nehmen pädagogische Ambitionen einen wichtigen Platz ein. Hindemith unterrichtete unkonventionell und engagiert. Er beteiligte sich an der experimentellen Arbeit der Rundfunkversuchsstelle der Hochschule für Musik, an der er den Filmmusik-Kurs gab. 1930 holte er die Donaueschinger und Baden-Badener Musiktage unter dem Titel Neue Musik Berlin an die Hochschule. Auch an der Pflege Alter Musik wirkte er mit. Für historische Aufführungen wurden wertvolle Instrumente aus der Sammlung der Hochschule, dem heutigen Musikinstrumenten-Museum, herangezogen. Neben der Tätigkeit an der Hochschule lehrte Hindemith ehrenamtlich an der Volksmusikschule Neukölln.

In die kollektive Erinnerung Berlins haben sich besonders die Ereignisse um den „Fall Hindemith“ eingeschrieben. 1934, ein Jahr nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, geriet die Uraufführung der Symphonie Mathis der Maler unter Furtwängler zu einer öffentlichen Demonstration gegen die Verfemung der Avantgarde. Die Auseinandersetzungen des Komponisten mit den Nazis endeten erst mit seiner Emigration in die Schweiz (1938) und anschließend in die USA. Gegenüber dem NS-Regime agierte Hindemith zwar abwartend; nach seiner Beurlaubung im Herbst 1934 hielt er sich mehrfach zu Arbeitsaufenthalten im Auftrag der deutschen Regierung in der Türkei auf. Doch so kompromissbereit er auch war, er ließ sich von den Nazis nicht vereinnahmen.

Wenige Wochen nach Ende des Zweiten Weltkriegs forderte der Oberbürgermeister Berlins, Arthur Werner, Hindemith öffentlich auf, als Direktor an die Musikhochschule zurückzukehren. Doch Hindemith ging auf diese und spätere Avancen nicht ein, auch wenn er Berlin oft besuchte. Fast dreißig Mal leitete er zwischen 1949 und seinem Tod Aufführungen in Berliner Konzertsälen, vor allem im Saal der Hochschule für Musik, wo er die Berliner Philharmoniker dirigierte. Dieser 1954 eingeweihte Konzertsaal an der Hardenbergstraße hieß lange Zeit im Volksmund „Bahnhof Hindemith“.

Dr. Dietmar Schenk
(Der Autor ist Leiter des Archivs der Universität der Künste Berlin)