Paul Hindemith und Berlin 

  Im Mai 1927 nahm Paul Hindemith (1895-1963) – mit kaum über 30 Jahren der beachtetste Komponist der jungen Generation – seine Lehrtätigkeit an der Staatlichen Akademischen Hochschule für Musik auf. Der provokative und ironische Ton seiner Musik hatte ihm den Ruf des ‚Bürgerschrecks‘ eingetragen; nun etablierte sich der Komponist und Bratschist mit einem Lehramt in Berlin. Er blieb hier – mit Unterbrechungen während der Zeit des Nationalsozialismus – ein wichtiges Jahrzehnt lang. Zusammen mit Max Bruch, Engelbert Humperdinck, Franz Schreker und Boris Blacher gehört er zu den renommierten, international angesehenen Kompositionslehrern, welche die Berliner Musikhochschule – die heutige Hochschule der Künste – im Laufe ihrer Geschichte aufzuweisen hat.

  In Hindemiths Berliner Zeit nehmen pädagogische Ambitionen einen wichtigen Platz ein. Hindemith unterrichtete unkonventionell und engagiert. Er beteiligte sich an der experimentellen Arbeit der Rundfunkversuchsstelle der Hochschule für Musik, an der er den Filmmusik-Kurs gab. 1930 holte er die Donaueschinger und Baden-Badener Musiktage unter dem Titel Neue Musik Berlin an die Hochschule. Auch an der Pflege Alter Musik wirkte er mit. Für historische Aufführungen wurden wertvolle Instrumente aus der Sammlung der Hochschule, dem heutigen Musikinstrumenten-Museum, herangezogen. Neben der Tätigkeit an der Hochschule lehrte Hindemith ehrenamtlich an der Volksmusikschule Neukölln.

  In die kollektive Erinnerung Berlins haben sich besonders die Ereignisse um den „Fall Hindemith“ eingeschrieben. 1934, ein Jahr nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, geriet die Uraufführung der Symphonie Mathis der Maler unter Furtwängler zu einer öffentlichen Demonstration gegen die Verfemung der Avantgarde. Die Auseinandersetzungen des Komponisten mit den Nazis endeten erst mit seiner Emigration in die Schweiz (1938) und anschließend in die USA. Gegenüber dem NS-Regime agierte Hindemith zwar abwartend; nach seiner Beurlaubung im Herbst 1934 hielt er sich mehrfach zu Arbeitsaufenthalten im Auftrag der deutschen Regierung in der Türkei auf. Doch so kompromissbereit er auch war, er ließ sich von den Nazis nicht vereinnahmen.

  Wenige Wochen nach Ende des Zweiten Weltkriegs forderte der Oberbürgermeister Berlins, Arthur Werner, Hindemith öffentlich auf, als Direktor an die Musikhochschule zurückzukehren. Doch Hindemith ging auf diese und spätere Avancen nicht ein, auch wenn er Berlin oft besuchte. Fast dreißig Mal leitete er zwischen 1949 und seinem Tod Aufführungen in Berliner Konzertsälen, vor allem im Saal der Hochschule für Musik, wo er die Berliner Philharmoniker dirigierte. Dieser 1954 eingeweihte Konzertsaal an der Hardenbergstraße heißt noch heute im Volksmund „Bahnhof Hindemith“.

  Die Paul-Hindemith-Gesellschaft in Berlin – der Verein zur Förderung von Musik und Schauspiel an der Universität der Künste – greift die besondere Hindemith-Tradition der Berliner Musikhochschule auf und möchte sie lebendig halten und fortführen. 

Dr. Dietmar Schenk
(Der Autor ist Leiter des Archivs der Hochschule der Künste Berlin)